Bahn fah­ren in Ka­nada ist eine ganz an­dere Di­men­sion als in Deutsch­land. Von den Ent­fer­nun­gen und Fahr­zei­ten her, als auch vom Sys­tem an sich.

Eine Zug­fahrt hat of­fen­bar im­mer ein biss­chen Kaffeefahrt-Charakter. Ein lus­ti­ger Schaff­ner der hau­fen­weise Clowns ge­früh­stückt hat ver­sorgt alle Rei­sen­den in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den mit in­ter­es­san­ten und un­in­ter­es­san­ten In­for­ma­tio­nen über die Ein­öde die ge­rade durch­quert wird. Bei be­son­ders schö­nen Was­ser­fäl­len oder an­de­ren Se­hens­wür­dig­kei­ten wird dann gerne auch mal lang­sa­mer ge­fah­ren, da­mit auch ja je­der Fo­tos ma­chen kann.
Hilf­reich ist hier­bei auch der rundum ver­glaste „Dome“ mit 360° Aus­sicht der aus man­chen Wa­gons her­aus­ragt.
Zu­dem wird in un­re­gel­mä­ßi­gen Ab­stän­den an grö­ße­ren, rich­ti­gen Bahn­hö­fen auch mal eine Stunde an­ge­hal­ten um alle sau­be­ren Fens­ter noch sau­be­rer zu putzen…

Durch blit­ze­blanke Schei­ben hat man also mit­un­ter auch wirk­lich eine phä­no­me­nal gran­diose Aus­sicht. Der beste Kom­men­tar au­ßer stau­nen­den „Ahhh’s“ und „Ohhh’s“ kam dazu übri­gens von ei­nem fünf­jäh­ri­gen Mäd­chen eine Reihe vor mir. Wir fah­ren am ma­jes­tä­tisch grü­nen und rie­sen­gro­ßen „Moose Lake“ vor­bei und sie meint zu ih­rer Mut­ter: „Woooow! Mommy, look! How did na­ture do all this great stuff?!“ ;-)

Ge­päck wird ganz „old­school“ beim ein­stei­gen auf­ge­ge­ben und in ei­nem ei­ge­nen Ge­päck­ab­teil ge­la­gert — un­er­reich­bar wäh­rend der Fahrt. Selbst­ver­ständ­lich kühlt die Kli­ma­an­lage auf nord­ame­ri­ka­nisch fros­tige Tem­pe­ra­tu­ren und wer nicht ge­nü­gend Pul­lis aus dem Ruck­sack mit­ge­nom­men hat, hat Pech gehabt.

Ne­ben ei­ni­gen tou­ris­ti­schen Hal­ten kommt es durch­aus auch vor, dass ir­gendwo im Nie­mands­land an ei­nem „Bahn­hof“ für eine Zi­ga­ret­ten­pause an­ge­hal­ten wird. „Aber nicht län­ger als zehn Mi­nu­ten weg­ge­hen, folks!“

Bei ei­nem die­ser Stopps ha­ben die Zug­füh­rer hau­fen­weise Es­sen aus dem Spei­se­wa­gen ab­ge­holt. Bei ei­nem spä­te­ren Halt im Nir­gendwo konnte ich dann dank Kur­ven­lage und ge­nü­gend Aus­blick be­ob­ach­ten, dass ge­stoppt wurde, um die Zug­füh­rer des ent­ge­gen­kom­men­den Gü­ter­zugs mit Es­sen zu versorgen…

Auf den ers­ten Blick recht lus­tig, aber dann doch nach­voll­zieh­bar. Bei 16 Stun­den Fahr­zeit des Per­so­nen­zu­ges von Ed­mon­ton nach Kam­loops (Straße: 800 km) will ich nicht wis­sen, wie lang so ein Gü­ter­zug un­ter­wegs ist. Da würde ich auch Hun­ger bekommen…

Apro­pos Gü­ter­zug: 120 Wa­gons und mehr sind keine Sel­ten­heit. Da wird dann auch gerne mal mit drei Loks vorne, ei­ner in der Mitte und ei­ner am Ende ge­fah­ren. Sonst kä­men die teil­weise vier Ki­lo­me­ter lan­gen Züge ja auch kaum vor­wärts, ge­schweige denn über die Pässe in den Rockies.

Un­nüt­zes Wis­sen am Rande: Die ka­na­di­sche Bahn trans­por­tiert mehr Gü­ter im Jahr als die Deut­sche Bahn, da­für trans­por­tiert die DB an ei­nem Tag (!) mehr Fahr­gäste als die ka­na­di­sche Bahn im gan­zen Jahr!

Wie ge­sagt, zug­fah­ren ist hier eher ein tou­ris­ti­sches Ver­gnü­gen als ein be­que­mes oder gar schnel­les Fortbewegungsmittel.

Da die Bahn so eine un­ter­ge­ord­nete Rolle im Per­so­nen­trans­port spielt, lie­gen Bahn­höfe auch nicht wie aus Deutsch­land ge­wohnt zen­tral in der Stadt, son­dern meist ki­lo­me­ter­weit au­ßer­halb am Rande des Gü­ter­bahn­hofs an ei­nem Abstellgleis.

Wenn man dann um halb zwölf nachts in Kam­loops an­kommt, kann das durch­aus Schwie­rig­kei­ten be­rei­ten…
Übri­gens hat man bei ma­xi­mal ei­nem Zug pro Tag in West– oder Ost­rich­tung auch keine Wahl wann man wo an­kom­men möchte…

Last but not least: Trotz Kaf­fee­fahrt und lang­sa­mem Tempo ka­men wir über eine Stunde frü­her als ge­plant in Kam­loops an. Und das wie­derum würde man bei der DB wohl nie be­ob­ach­ten ;-)